Wissualisierung

Konzeption, Umsetzung und Präsentation computerunterstützter Wissensvermittlung

1 Einleitung

Ohne Powerpoint-Präsentation geht gar nichts mehr. Zumeist wird gar nicht mehr hinterfragt, ob vielleicht eine andere Form des Vortrags, wie eine frei gehaltene Rede oder ein Vortrag, bei dem an der Tafel visualisiert wird, besser zu den Gegebenheiten und dem Thema passen würden (Müller Prove 2009, S. 47). Der Kommunikationsstil in Organisationen und in der Wissenschaft hat sich seit dem Erscheinen der ersten Version von PowerPoint 1987 bedeutend verändert. Das von Bob Gaskin entwickelte
Programm Presenter, ist in seiner ersten Version unter dem Namen PowerPoint 1.0 für Apple Macintosh auf den Markt gekommen. Das Programm war ursprünglich nicht als Präsentationstool konzipiert, sondern als Software für die Erstellung von Folien für den Overheadprojektor und hat erst unter der Version 3.0 eine Funktion zum Vorführen von Präsentationen bekommen (Pias 2009, S. 38–41). In den darauffolgenden Jahren hat sich PowerPoint rasch verbreitet. Der Erfolg der Software lässt sich einerseits auf die Integration in das Office-Paket zurückführen, aber andererseits auch auf seine leichte Benutzbarkeit und die nützliche Anwendung, die es fand (Schnettler, Knoblauch 2007a, S. 14). Die Kommunikationsdichte und der Bedarf an Wissensweitergabe haben sich in der Wissensgesellschaft erhöht. Die Präsentation ist eine kommunikative Praxis, „(…) mithilfe der die auseinanderdriftenden Wissensbestände sowie der gestiegene Kommunikationsbedarf über die Grenzen verschiedener spezieller Wissensgebiete hinweg bewältigt wird“ (Schnettler et al. 2007, S. 29). Die zwei Faktoren, die zu einer grundlegenden Veränderung in der Wissenskommunikation, insbesondere in der Wissenschaft, führen könnten, sieht LaPorte (2002) in PowerPoint und in den Informationstechnologien begründet, mit deren Hilfe PowerPoint-Dokumente verbreitet werden. Die Kombination aus Powerpoint und IT erzeugt Voraussetzungen, die es den Menschen ermöglichen, Wissen auf eine ganz neue Art zu managen (LaPorte et al. 2002, S. 1481).
Die Relevanz des Themas liegt aber nicht ausschließlich im strukturellen Wandel der Wissenskommunikation begründet, sondern auch im simplen Zeitmanagement der beteiligten Wissens-Mittler und -Receiver. In der medialen Kritik und in den Gesprächen mit den PraktikerInnen zeigt sich, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Programm nicht auf eine oberflächliche Polemisierung abzielt, sondern ein tatsächliches Anliegen damit verbunden ist, nämlich der respektvolle Umgang mit dem Publikum und dessen zeitlichen Ressourcen. Die Unmengen an Zeit, die mit Präsentationen „abgesessen“ werden, beziehen sich sowohl auf zu lange Präsentationen, welche die Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörenden bei weitem überschreiten, als auch auf die mangelhafte Produktivität von schlechten Vorträgen, bei denen das Publikum kein Wissen mitnimmt. Woran könnte es also liegen, dass alle Menschen, die man fragt, mehr schlechte als gute Präsentationen gesehen haben? Es ist ausreichend Wissen über das Erstellen und Halten von Präsentationen in Umlauf, beispielsweise in Form einer unüberschaubaren Menge von Ratgeberliteratur, die Empfehlungen zum Thema gibt. „Der Wert dieser Literatur ist unbestritten, zumal sie vielfach auf einer eingespielten Kompetenz beruht“ (Schnettler et al. 2007, S. 14). Aber wer liest diese Literatur? Welche Arten von Herangehensweisen finden sich in den Ratgebern und inwieweit findet der wissenschaftliche Forschungsstand darin seinen Niederschlag? Wie sieht es überhaupt mit dem wissenschaftlichen Forschungsstand aus?
Um sich der Beantwortung dieser Fragestellungen anzunähern, wurde in der vorliegenden Arbeit in einem ersten Schritt Ratgeberliteratur analysiert. Auf dieser inhaltlichen Analyse aufbauend erfolgte die Themenauswahl für Interviews, die mit neun Personen, die selbst Präsentationen halten, durchgeführt wurden. Diese Personen erzählten aus ihrer persönlichen Praxis und schilderten, wie sie beim Gestalten von Folien vorgehen und wie sie mit dem Präsentationsprogramm arbeiten. Durch einen Vergleich mit der Literatur wurde die Differenz der tatsächlichen Praxis mit den Empfehlungen der Ratgeber herausgearbeitet.
„PowerPoint® wurde zum Synonym für computergestützte ›Präsentationen‹“ (Schnettler, Knoblauch 2007a, S. 14), deshalb wird in der vorliegenden Arbeit, dem Beispiel Schnettler/Knoblauch/Pötzsch (2007) folgend, die Schreibung „Powerpoint“ verwendet, um die umgangssprachliche Bezeichnung beizubehalten, aber die Markenbezeichnung zu umgehen. Der thematische Fokus dieser Arbeit liegt auf der Visualität von Präsentationen, also der tatsächlichen Gestaltung oder bildhaften Ausformulierung von Folien, Aspekte der Rhetorik und Linguistik werden nicht behandelt und die Darbietung (Performanz) wird nur am Rande gestreift. Die theoretische Sicht der Rhetorik in Powerpoint-Präsentationen wird von Knape (2007) behandelt und Knoblauch schildert in seinem Text „Die Performanz des Wissens“ (Knoblauch 2007), wie Wissen mithilfe von computergestützten Präsentationen gezeigt werden kann. Was die wissenschaftliche Präsentation als Textsorte auszeichnet, beschreibt Lobin (2007) im Artikel „Textsorte ›Wissenschaftliche Präsentation‹.“
Der theoretische Teil dieser Arbeit beginnt mit der Verortung der Verankerung des Begriffs der Visualisierung im Wissensmanagement. Eppler und Burkhard haben eine Definition der Visualisierung von Wissen vorgenommen und den Nutzen herausgearbeitet, den Wissensvisualisierung im Wissensmanagement hat. Für Nonaka, einem frühen Vertreter des Wissensmanagements in Organisationen, kommt der Visualisierung in Form von Metaphern große Bedeutung zu. Die Metapher sei eine zentrale Form der Explikation neuen Wissens, die Fähigkeit zu diesem Ausdruck bilde einen zentralen Wettbewerbsvorteil und sei die notwendige Basis für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen. Der zweite Abschnitt der Theorie befasst sich mit drei zentralen Themen der Kognitiven Psychologie, die sich mit multimodalen und multimedialen Lernformen auseinandersetzen: die „Dual Coding Theory“, die „Cognitive Load Theory“ und die „Cognitive Theory of Multimedia Learning“. In Kapitel 4 wird systematisch aufgezeigt, welche Charakteristiken die Präsentation als neue kommunikative Form auszeichnen. Themen sind die inhaltliche Konzeption der Präsentation, die grafische Gestaltung der Folien, und das Erstellen eines eigens ausgearbeiteten Handouts. Im empirischen Teil werden die Forschungsmethode und die Auswahl des Forschungsfeldes vorgestellt. Die Analyse der Interviews erfolgt in der Form, dass zuerst die Herangehensweise an ein Thema der Präsentations-Erstellung oder -Darbietung aus der Ratgeberliteratur vorgestellt und dem dann die Umsetzung in der Praxis gegenüber gestellt wird. Anschließend werden die Herangehensweisen interpretiert. Die Interpretationen zu den einzelnen Themen und Schlussfolgerungen daraus werden in der Conclusio zusammengefasst. In den nachfolgenden Kapiteln wird die Aktualität des Themas an Hand einer Auswahl von Beiträgen aus Zeitungen und Zeitschriften dargestellt. Viele in diesen Medien aufgeführten Kritikpunkte, wie beispielsweise die inflationäre Verwendung von ‚bullet points‘, werden in der gesamten Powerpoint-Literatur zitiert.